Vor vielen tausend Jahren wälzte sich der Reussgletscher als mächtiger Eisstrom aus den Alpen und bedeckte mit seiner gewaltigen Eisdecke das Mittelland. Mit unermüdlicher Kraft schob er Felsbrocken, Kies und Sand vor sich her, schliff Täler glatt, türmte Moränen auf und liess – als er schmolz – eine bunte Sammlung von Steinen zurück. Diese Steine sind nicht nur Zeugen der Eiszeit, sie erzählen auch ein Stück Erdgeschichte. Tektonische Kräfte bauten mit diesen Steinen einst die Alpen. Heute finden wir diese Steine als buntes Sammelsurium in unseren Kiesgruben.
Protagonisten sind die Steine des Reussgletschers. Die Steine werden aufgefräst. Das durch die Verwitterung verborgene «Innenleben» wird sichtbar. Die gefräste Fläche wird poliert und stellt das Gesicht des Steins dar. Der Stein wird zum «Charakterkopf». Die Steine werden auf Eichenpfosten gesetzt und in einer Art Arena aufgestellt.
Steine sind von Natur aus stumm und unbeweglich. Sie gelten als Sinnbild für Dauerhaftigkeit und als passive Zeugen der Zeit. Im kleinen Geopark hören wir ihnen zu, als könnten sie sprechen. Und das tun sie auch, mit Formen, Strukturen und Farben, aber auch mit Worten. In einem Hörparcours wird der Geopark zur Bühne eines anthropomorphen Stationentheaters. Die Anordnung der Steine in der Arena schafft eine skurrile, fast eigenartige Ruhe. Doch diese Ruhe trügt. Die Inszenierung macht das Schweigen hörbar und haucht den Steinen Leben ein.
In der geologischen Arena stehen sich zwölf Erben des Reussgletschers gegenüber. Sie kämpfen mit Eitelkeit und Konkurrenzgeist um den alleinigen Anspruch auf das hinterlassene Erbe. Jeder Stein inszeniert einen dramatischen Monolog, in dem er seine eigene, einzigartige geologische Bedeutung hervorhebt und gleichzeitig die anderen Gesteinsarten als trivial und minderwertig abkanzelt. Aus diesem Gerangel um die Vorherrschaft entwickelt sich ein erbitterter Wettstreit gegen die drohende Bedeutungslosigkeit.
Die Moderatorin der Arena ist eine bekannte alpine Aristokratin aus den Walliser Hochalpen.Und da ist noch ein ungebetener Gast. Der muss allerdings draussen bleiben.
Dieser metaphorische Erbstreit unter den stummen Zeugen der Erdgeschichte spiegelt auf satirische Weise zutiefst menschliche Eigenarten wider: Das Streben nach Anerkennung, übersteigertes Konkurrenzdenken und die eitle Selbstdarstellung im Kampf um Geltung.
Im Spannungsfeld zwischen Geologie, Skulptur und menschlichen Eigenarten entsteht ein Dialog über Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht ist das Vermächtnis dieses Geoparks nicht nur das Wissen über Gesteine, sondern auch die Aufforderung zu Ehrfurcht und Respekt vor der Natur. Es ist die Erkenntnis, dass auch wir Teil dieser langen Geschichte sind, egal, wie flüchtig unser Dasein scheint. Der Geopark, als Brücke zwischen Erdgeschichte und menschlichem Alltag, wird zu einem Refugium, das die Vergänglichkeit des Augenblicks der Ewigkeit der Materie gegenüberstellt. Am Ende, wer weiss das schon, sprechen die Steine auch über uns. Über unseren Umgang mit Ressourcen, über das, was wir bauen, bewahren oder zerstören. Und darüber, wie kurz unser eigener Abschnitt in der Erdgeschichte ist.
Der Reussgletscher ist längst verschwunden, doch seine Spuren prägen das Land bis heute.
Was wird von uns bleiben?
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Im Begleitheft finden Sie umfassende Hintergrundinformationen zum Reussgletscher und zur eiszeitlichen Geschichte unserer Region. Neben Porträts der einzelnen Gesteine enthält das Heft auch alle Monologe zum Nachlesen.